AS Bari - Brescia Calcio 1:1 (Serie B, 22.10.2012)

Stadio San Nicola in Bari

"Welches Stadion gefällt Ihnen neben Ihren eigenen am besten?"
"Rein ästhetisch sehr gelungen finde ich Renzo Pianos San-Nicola-Stadion in Bari: Seine Offenheit ist konsequent. Genau damit ist es aber leider als Fußballstadion auch ungeeignet."
(Stadion-Architekt Volkwin Marg im neuen Buch "Fußball Wunder Bauten - Die schönsten Stadion und ihre Geschichten")

Stadio San Nicola
Das Stadio San Nicola in Bari ist in der Tat architektonisch ein echtes Kunstwerk. Wikipedia gesteht ihm gar ein "modernes, futuristisches Aussehen" zu - mehr als 20 Jahre nach seiner Eröffnung darf man das durchaus als Kompliment verstehen. Der in 26 Abschnitte unterteilte Oberrang hat schon immer die Phantasien der Betrachter angeregt. Eine "Blume" sei das, sagen die einen, eine "Muschel" oder ein "römisches Amphitheater" die anderen. Der nächstliegende Vergleich ist aber der mit einem Raumschiff. "L'astronave" heißt das Stadion dann auch in Italien.

"Wie riesige Schießscharten"

Auffälligstes Merkmal ist die schiere Größe auf offenem Feld. Lassen wir noch einmal die Experten sprechen: "Als enge Verschmelzung von Ingenieurs- und Kunstform erhebt sich das San Nicola-Stadion als Solitär ähnlich dem Castel del Monte aus der apulischen Landschaft", urteilen Fachkreise. In einem Buch über den Star-Architekten Piano heißt es: "Die stark geneigten grauen Mauern und die wie riesige Schießscharten eingeschnittenen Durchlässe mit dem intensiven Himmelsblau dahinter erinnern an alte Bauten, die der Mensch in diesem besonderen Landstrich Unteritaliens hinterlassen hat."

Die Schüssel San Nicola
Der Vergleich mit dem 60 Kilometer entfernten Castel del Monte ist in der Tat passend, ist der monumentale Bau des Stauferkaisers Friedrich II doch ähnlich beeindruckend und exponiert gelegen. Nur eben 750 Jahre älter. Jener Friedrich - italienisch Sevevia, "der Schwabe" genannt - ist in Bari allgegenwärtig.

Gleiches gilt höchstens noch für San Nicola, den Schutzpatron der Stadt. Die Reliquien des hierzulande als Nikolaus bekannten Heiligen raubten süditalienische Kaufleute im Jahr 1087 in der heutigen Türkei und brachten sie nach Bari. Dort ist seither eine Basilika nach ihm benannt - und seit 1990 auch das Fußballstadion, das Stadio San Nicola.

Viertgrößtes Stadion Italiens

58.270 Zuschauer passen in die markante Schüssel, damit ist das Stadion das viertgrößte Italiens. Von 1934 bis 1990 spielte Bari im zentrumsnahen Stadio della Vittoria, das immerhin 42.000 Zuschauer fasst und noch immer genutzt wird. Nur eben nicht von der Associazione Sportiva, die 1990 vor die Stadt zog. Fünf WM-Spiele fanden hier statt, darunter das Spiel um Platz drei zwischen Italien und England.

Ultras AS Bari
Erste Hürde ist wieder einmal der Ticketkauf. Am "Bari Point" in der Innenstadt soll es ab 9 Uhr Karten geben, verrät das Internet. Also um 9.30 Uhr dort aufgelaufen - geschlossen. Na Danke, ich hab ja sonst nichts vor. Also um 17.30 Uhr wieder gekommen und mit Erfolg für 22 Euro zugeschlagen. Im Nachhinein eine gute Wahl: Am Stadion habe ich kein offenes Kassenhäuschen mehr gesehen (bin allerdings auch nicht ganz herum gegangen).

7436 Zuschauer, 30 Gäste

Zweite Hürde: Die Parkplatz-Mafia abschütteln. Kaum am Stadion das Auto abgestellt, kommen zwei junge Herren und verlangen einen Obolus fürs "Aufpassen". Nee nee, nicht mit mir, von mir aus demoliert ihr den Mietwagen, eine Delle mehr oder weniger merkt eh keiner. Also auf Risiko gegangen - und nach dem Spiel ein unversehrtes Auto vorgefunden. Also hinein in Stadion - wie am Vortag in Campobasso übrigens ohne Namensabgleich.

Aussparung
Nun, von innen ist das Stadion nicht mehr ganz so beeindruckend. Bei Dunkelheit fallen die Aussparungen im Oberrang nicht besonders auf, übrig bleibt der Eindruck einer riesigen Schüssel. Zudem stört die Laufbahn - die laut Wikipedia erst einmal genutzt wurde... Ein Riesen-UFO also, das viel zu groß für den Zweitligisten AS Bari ist: Das heutige Montag-Spiel wollen nur 7436 Zuschauer sehen, davon 30 mitgereiste Fans aus Brescia.

Sieben Punkte Abzug für die "Galletti"

Die Stimmung ist dann auch durchwachsen. Ganz selten zeigt die nur halbvolle Kurve ihr Potenzial. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die einzelnen Gruppen verteilt stehen und konsequent nicht gemeinsam singen. Ein einziges Mal sangen alle gleichzeitig, prompt wurde es richtig laut. Ansonsten kochte jeder sein eigenes Süppchen, teilweise wurden sogar gleichzeitig verschiedene Lieder angestimmt. Verstehen muss man das nicht. Die Gäste haben immerhin zwei Schwenkfahnen im Gepäck und lassen von Zeit zu Zeit auch immer wieder von sich hören.

Stadion San Nicola
Das Spiel ist sehenswert, nicht zuletzt dank kapitaler Fehler beider Teams ergeben sich zahlreiche Chancen. Schon in der 15. Minute gehen die Gäste in Führung, kurz vor der Pause gelingt den "Galletti" (benannt nach dem Hahnenkopf im Wappen) der umjubelte Ausgleich. In Halbzeit zwei bringt Bari das Kunststück fertig, den Ball auch aus 30 Zentimeter Entfernung nicht über die Linie zu bringen. Es bleibt beim 1:1, beide Klubs rangieren damit im Mittelfeld der Liga, in der diese Saison zehn (!) Vereine mit Punktabzug bestraft wurden. Stolze sieben Zähler Abzug bekam Bari aufgebrummt, da der Klub tief in den jüngsten Wettskandal Scommessopoli verwickelt war.

Bleibt der Blick auf die Stadion-Musik. Eros Ramazzotti? Al Bano und Romina Power? Nicht ganz...

Die Setlist des AS Bari:

1. Modjo - Lady. Klassiker! Aus 2000, sagt Wikipedia. Zwölf Jahre her? Kann doch gar nicht...
2. Alexandra Stan - Mr. Saxobeat. Schon hier, hier, hier und hier gehört. Langsam reicht's.
3. Maroon 5 - One More Night. Maroon 5 ist so unglaublich nervig, nervig, nervig...
4. Scissor Sisters - Only The Horses. Nur die Pferde - können dieses Lied ernsthaft mögen.
5. Mike Oldfield - Moonlight Shadow (Remix). Irgendein Dance-Mix dieses Klassikers, der das Original leider ziemlich zerstört. Schade.
6. Sabino Bartoli - Bari Grande Amore. Richtig: Eine schön pathetische Vereinshymne zum Schal zeigen. Herrlich.

Fazit: Gut angefangen, gut aufgehört, dazwischen eher Mist. Ich sag mal: 4. Zum Gesamtstand.

Ultras Brecia in Bari  Aufgang in Stadion  Castel del Monte

Stadio San Nicola in Bari, Panorama