Derry City - St. Patricks Athletic 4:3 n.V. (FAI Cup Final, 3.12.06)

Der West Stand Ein Ereignis der besonderen Art stand zum Ende des Jahres in Dublin an: Das irische Pokalfinale, gleichzeitig "the very last football fixture to be played at Lansdowne Road", wie es im offiziellen Programm heißt. Also ohne langes Zögern einen Flug über London nach Dublin gebucht, erwartete Ankunft 10.30 Uhr, alles kein Problem. Doch es sollte anders kommen.

Denn um 12 Uhr stand ich nicht wie geplant bereits am Stadion, sondern bretterte mit sechs mir völlig unbekannten Iren über holprige Landstraßen, vorbei an Schafen auf der linken und grünen Wiesen auf der rechten Seite. Was war passiert? Zwei Stunden zuvor war noch alles in Ordnung, der Flughafen in Dublin bereits in Sichtweite, einzig der Flieger wackelte bedenklich. Plötzlich drehte der Pilot ab, sprach etwas von "zu viel Wind" und kündigte einen zweiten Versuch an. Diesmal schien es zu klappen, der Boden kam immer näher, als die Maschine erneut hochzog und kommentarlos davon düste. Zehn Minuten herrschte Ratlosigkeit, ehe der Käpitän endlich verkündete, der Flughafen sei wegen eines Sturms gesperrt worden, unser neues Ziel wäre nun Shannon. Ein Bus würde uns von dort nach Dublin bringen.

Lansdowne Pavilion "Somebody wants to see the Derry match?"

Ein lautes Stöhnen ging durch die Reihen, am lautesten vielleicht von mir. Schnell überschlagen: mit dem Bus 200 Kilometer von der West- bis zur Ostküste, keine Autobahn, dann noch vom Flughafen in die City - das Spiel schien außer Reichweite. Erst recht, als sich die Abfahrt des Busses immer weiter verzögerte. Doch der Hopper-Gott half - in Person eines rothaarigen Iren, der mit im Flugzeug gesessen hatte. "Somebody wants to see the Derry match? We will rent a car", fragte er in die Runde. Chance erkannt und schnell gemeldet. Kurz erklärt, warum ich als Deutscher zu diesem Spiel will, und zehn Minuten später fand ich mich mit sechs Derry City-Fans in einem Kleinbus Richtung Ostküste wieder.

Die Fahrt begann mit lustigen Gesprächen über Borussia Mönchengladbach ("this must be the longest name of a football club in the whole world") und Derrys erfolgreiche Europapokaltournee 2006 von Göteborg über Gretna bis nach Paris, die drei der Anwesenden komplett mitgemacht hatten. Je näher wir Dublin kamen, umso angespannter wurde angesichts des Anpfiffs um 15.15 Uhr jedoch die Stimmung. Um 14.50 überquerten wir die Stadtgrenze, um 15.07 sahen wie endlich die ersten Fans, um 15.11 sprang ich mit einem kurzen "Good luck" aus dem Auto, um 15.12 hatte ich eine Karte in der Hand - und um 15.14, exakt 30 Sekunden vor Anpfiff und nach über zwölf Stunden Anreise, saß ich auf meinem Platz. Was für ein Timing...

Der West Stand Dreimalige Führung reicht den "Pats" nicht

Das letzte Spiel an der Lansdowne Road bot den 16.000 Zuschauern - davon gut die Hälfte aus dem nordirischen Londonderry angereist - noch einmal alles. Derry City, als Vizemeister und Ligapokal-Sieger klarer Favorit, kämpfte nicht nur gegen eine gut mitspielende Dubliner Mannschaft, sondern auch gegen das typisch irische Wetter. Der Regen prasselte unaufhörlich hernieder, zudem war der Sturm eher noch schlimmer geworden und sorgte für aus dem Stand getretene Freistöße, umknickende Eckfahnen und Abschläge, die noch vor dem ersten Bodenkontakt den Rückweg aufnahmen. So hatte stets die Mannschaft mit Wind von hinten einen deutlichen Vorteil. Dreimal gingen die Pats in Führung, der erste Pokalsieg seit 1961 war zum Greifen nahe, doch dreimal gelang City der Ausgleich, ehe kurz vor Ende der Verlängerung ein Eigentor die Entscheidung brachte. Ein wahrlich würdiges Finale im doppelten Sinn für die Lansdowne Road.

Bis 1971 war der Dalymount Park das irische Nationalstadion, ehe der Verband eine "größere" Lösung suchte und als Untermieter in der Heimat der "Schwester-Sportart" Rugby fündig wurde. Das älteste noch bespielte Rugby Stadion der Welt wurde bereits im Jahr 1872 eröffnet, das erste internationale Fußballspiel stieg allerdings erst 1900 zwischen England und Irland. Beeindruckend sind die beiden Tribünen an den Längsseiten - der 1927 errichtete und 1983 neu gebaute East Stand sowie gegenüber der West Stand, der für seine ungewöhnliche Lage berühmt ist: Die Dubliner DART-Straßenbahn fährt praktisch durch die Tribüne hindurch. Hinter den Toren finden sich flach ansteigende, grüne Sitze sowie einige Reihen Stehplätze, die den Gesamteindruck eines großen Stadions aus einer längst vergangenen Zeit perfekt machen. Das Schicksal der Lansdowne Road ist jedenfalls besiegelt: Bis 2009 soll an gleicher Stelle ein 50.000er All-seater entstehen, die Bewerbung für das UEFA-Pokalfimale 2010 steht. Das ist jedoch Zukunftsmusik - ganz im Gegenteil zu den letzten Klängen, die weit nach Spielende über die Lautsprecher dröhnten: "Time to say Goodbye". Wohl wahr.

Der East Stand Blick in die City von Dublin Siegerehrung für Derry City